2 Monate danach, 14. Oktober 2003

ich habe sehr viele e-mails, Gespräche über diese Seiten gehabt und jeder meinte ich möge doch meine Gefühle weiterschreiben. Es ist nicht einfach mit dieser Situation umzugehen. Es gibt Tage - nicht das man nicht denkt - aber es geht leichter, es kommen aber immer wieder Momente wo es mir mein Herz zusammen schnürrt.

Hier möchte ich einige von diesen erzählen:

Als das Grab fertig gestellt wurde, hatte ich am Anfang ein Problem mit ihren Bild am Grabstein, heute bin ich froh das es darauf ist, denn so habe ich Augenkontakt. Oft muss ich ihr Sachen erzählen, wo ich mir denke, habe ich jetzt laut gesprochen ? wenn mich jemand hört die denken sich sicher was. Ist aber auch egal, ich empfinde halt so.

Als Papsch von Griechenland heim kam, es hat ihn sicher gut getan-wobei auch da wieder Erinnerungen hoch kamen, waren sie doch schon gemeinsam bei unseren Freunden in Korfu gewesen. Im Restaurant - der Tisch wo sie vor Jahren schon gesessen haben, der Rosenstrauch den Christl & Karl damals bekamen blühte letztes Jahr nicht, doch heuer am 16.8. ging eine Rose auf. Papa zeigte mir auf der Videokamera kurz einen Auszug vom Urlaub, am Schluss war ein alter Film drauf, ich sah unsere Mutter im Wohnzimmer sitzen, winken und hörte ihre Stimme. Ich konnte nicht auf Stop drücken, musste mir das ansehen, ihren Geburtstag bei uns, Halloween letztes Jahr, wie Papsch die Wohnung schmückte nach ihrer Operation. Dieses Video riss ein tiefes Loch bei mir auf, wenn ich ihre Bilder ansehe das geht, aber ihre Bewegungen - ihre Stimme das ist noch so frisch und tut fürchterlich weh. 

September: die Geburtstage von Schwester Lilla und der meinige

ich hatte eigentlich Angst vor diesen Tag, da letztes Jahr unerwartet die Türe aufging und die Eltern zum Gratulieren kamen, heuer wusste ich, Papa kommt alleine - und er kam. Wir weinten gemeinsam. Jedes Jahr seit ich von daheim ausgezogen war, rief Mamsch an und gratulierte mir : Jetzt bist du auf der Welt mein Louis Armstrong

Als ich auf die Welt kam hatte ich sehr viel Fruchtwasser geschluckt und meine Stimme klang " na ja " . Sie erzählte mir immer, wenn sie mich zum Stillen brachten, brüllte ich so laut, dass die Schwestern in der Semmelweissklinik zusammenliefen und zu ihr sagten: hier ist der Louis Armstrong.

Heuer kein Anruf von Mamsch und das tat weh. Zum Feiern war mir sowieso nicht, ich fuhr zum Grab und sagte: hier bin ich " dein Louis A. "

Ich fragte Lilla, ob es ihr auch so ginge, sie bejahte es. Hatte sie erste eine Situation wo sie sich dachte, dass muss ich ihr erzählen.

Und so kommt die Ernüchterung, wir können es ihr nicht mehr persönlich oder am Telefon erzählen.

Es fehlen die täglichen Telefonate. Wenn ich sie fragte : wie gehts es dir ? kam von ihr immer " halb - halb " . Ich ärgerte mich oft über diese Aussage denn was heißt das schon. Heute würde ich mir wünschen sie würde es sagen.

Letzte Woche war ich im Schwedischen Einkaufszentrum, als ich dort (wenn auch nur Werbung) die Schwedische Sprache hörte, musste ich sofort wieder an Mamsch denken. Auch die schwedische Weihnachtsdeko gibt es schon. Der Strohbock, der jedes Jahr unterm Christbaum stand, die runden Dosen mit Pfefferkuchen und natürlich der Kalles Kaviar, den ich schon als Kind fast täglich zum Frühstück bekam. Auch heute muss er immer im Kühlschrank sein.

Jedes Jahr wenn ich mit der Weihnachtsbäckerei Anfang Dezember begann, holte ich mir meine schwedische Musikkassette aus dem Schrank, rief daheim an, hielt den Hörer zur Musik und sagte: was mache ich ???

Sie lachte und sagte: du fängst an zu backen, vergiss nicht auf meine Vanillekipferln

Ich weiss noch nicht, ob ich heuer diese Musikkassette spielen kann. Aber wenn nicht, dann fehlt wieder etwas - und es fehlt schon so viel -  unsere MAMA.

Wenn ich oft mit Papsch spreche, merke ich erst wie sehr sie ihn fehlt. Am Tag da gehts ja, aber wenn der Abend anbricht, beim Fernsehen und wenn er zu Bette geht. Er wird oft munter und hält seine Hand auf ihren Polster. Er selber sagt, er hätte sich nie gedacht, dass es so schwer sein kann einen geliebten Menschen zu verlieren.

 

Wir waren erst kürzlich bei unseren Freunden zum Geburtstag beim Heurigen eingeladen, da war auch die Mutter von I. als ich alle so sitzen sah, beneidete ich I. um diese Runde, denn sie hat ja ihre Mutter noch die sie umarmen kann. I. kennt mich nur zu gut und sagte mir am Kopf zu wo ich mit meinen Gedanken war.  

 

Viele sagen mir immer, Jeannette, das dauert und es werden immer Momente kommen die schmerzen.

Ich werde nach Weihnachten wieder weiterschreiben, bis dahin alles Liebe

Eure Jeannette