Im Spital

Papsch rief also die Rettung und ich setzte mich ins Auto und gab Gas und fuhr nach Wien. Die Strecke wollte nicht enden. Ich lief zur Aufnahme, da waren sie, Mamsch lag auf einer Bahre, blass und ihre Hände waren kalt. Papsch nervös, der Schweißperlen auf der Stirn. Sie hatten schon Blut abgenommen und wir haben wieder einmal auf den Arzt gewartet. Sie wurde stationär aufgenommen, denn die Ursache von wo das viele Blut kam musste geklärt werden. Im innersten fühlte ich, wir bekommen sie nicht mehr nach Hause.

28. Juli 2003

Mamsch lag im Bett und hat schon gewartet. Sie erzählte mir, dass sie morgen operiert wird, irgendetwas mit den Darm stimmt nicht, wahrscheinlich hat sie wieder einen kleinen Tumor. Sie nahm das eigentlich sehr gelassen hin. Sie stand auf und wir gingen noch eine Zigarette rauchen - es schmeckte ihr aber gar nicht mehr so. Am Weg retour musste sie nochmals auf die Toilette.

Ich wartete auf sie. Sie öffnete die Türe und deutete mir ich möge zu ihr kommen. Das war so eine Situation die ich wohl nie vergessen werde. Dieser Anblick, meine Mutter, hilflos, schwach und krank, stand da Tränen in den Augen und zeigte auf die Toilette. Ich sah nur Blut, Blutklumpen. In der Panik lief ich zu einer Schwester und rief : meine Mutter - überall Blut - was soll ich tun.

Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, was ich in diesen Moment für diese Krankenschwester empfand. Sie stand und schrieb in diversen Patientenmappen, schaute mich an und sagte: Ok, ich werde es einen Arzt sagen. Ich führte meine Mutter zurück zum Bett und weinte mit ihr. Sie fragte mich: was ist bloß los mit mir, ihr habt mich nicht mehr lange. Ich wusste es, aber ich konnte zu dieser Zeit noch nicht über das Sterben mit ihr sprechen. Sie musste für die Operation was trinken um den Darm zu reinigen, sie nahm es trank es runter ohne ein Wort zu sprechen. Da dachte ich mir: was muss sie noch durchmachen. Da wusste ich noch nicht, dass das eigentlich erst der Anfang sei eines schweren Kampfes. 

Am Abend bekam sie noch Blutkonserven, mein Mann war bei ihr, sie hatte einen Schüttelfrost, als er eine Schwester um eine Decke bat, meinte diese: kalt  ? wir haben doch eh 36C. Er meinte: und wenn sie fünf Decken möchte, dann mögen sie ihr die geben. 

29. Juli 2003

Der Tag der 1. Operation. Ich saß bei meiner Freundin A. Oberschwester im Büro und sprach zum 1.x über Sterbebegleitung. d.h. ich soll mit meiner Mutter offen über ihren Tod sprechen. Ich sah sie an und dachte, das kann ich nie. Ich war zwar soweit, dass ich ihr wünschte, sie möge ruhig einschlafen aber mit ihr darüber sprechen ? Ich bin Freundin A. viel Dank schuldig, ohne ihr hätte ich so manches nicht geschafft. Für mich war Tod und Sterben verbunden mit meinem Großvater. Den sah ich als Kind im Koma liegen und das habe ich lange nicht vergessen.

Als ich dann auf ihre Station ging, brachten sie gerade Mamsch vom OP. Sie winkte mir und weinte als sie mich sah. Du bist da. Ich musste etwas warten dann durfte ich an ihr Bett. Sie schaute mich an und sagte: Hab ich wieder Krebs ? Da hatte ich zum ersten Mal die Stärke und sagte: JA - lügen konnte ich jetzt nicht mehr.

Ich beugte mich über sie, wir hielten uns und weinten gemeinsam. Sie, die uns brauchte, tröstete mich und sagte: weine nicht, pass nur gut auf dich auf. Bitte geh dich dann untersuchen lassen, du musst. Sie hat mich gehalten und gestreichelt und ich spürte soviel Liebe in diesen Moment.

Als ich mich bei dem Arzt der Mama operierte erkundigte, meinte er, es sieht nicht sehr gut aus. Der Krebs hätte die Darmwand durchbrochen. Sie musste gelasert werden, es wird wieder geschehen. Nach Hause wird sie wohl nicht mehr kommen.

Mamsch wurde dann nach einigen Tagen vom Überwachungszimmer in ein normales Krankenzimmer verlegt. Sie wollte nicht mehr essen, bekam nur Breikost, tagelang Kartoffel- Karottenpüree. Sie hob nur den Deckel und machte wieder zu.
Ab und zu wollte sie auch noch eine Rauchen. Sie war schon sehr schwach, aber sie scherzte immer: hätte ich in Schweden nicht so viel Krebs gegessen, dann hätte ich ihn jetzt nicht.

Sie hörte auf einmal schlecht: ihre Analyse: ja in den Ohren stecken die Scampi. Das Lachen und Scherzen hatte sie noch nicht aufgegeben.

In den nächsten Tagen sprach sie öfters von Filou ( mein 1. Hund der 1997 verstarb ). Filou gibt mir die Kraft, Filou holt mich dann ist er nicht mehr alleine. Öfters kam jetzt das Wort sterben, ich will nicht mehr  - in unseren Gesprächen vor.

Freundin A.: sie weiß und sie spürt es das sie gehen wird. Gebt sie frei, gebt ihr das Gefühl dass sie gehen kann. Das klingt alles so leicht, wer will schon seine Mutter verlieren. ?

Die letzten Tage